Sir Ralph Kohn (1927—2016)

Wir trauern um einen begeisterten Bach-Freund und großzügigen Förderer.

Nachruf Sir Ralph Kohn

Am 11. November 2016 verstarb kurz vor Vollendung seines 89. Lebensjahres unser langjähriges und allseits hochgeschätztes Kuratoriumsmitglied Sir Ralph Kohn.

Sir Ralph und Oberbürgermeister Jung bei Verleihung der Ehrenmedaille im Jahr 2014Ralph Kohn wurde am 9. Dezember 1927 als das jüngste von fünf Geschwistern der Eheleute Max und Lena Kohn in Leipzig geboren. Der Vater war Anfang des 20. Jahrhunderts als junger Mann aus Galizien nach Deutschland gekommen und fühlte sich der chassidischen Glaubensrichtung verbunden. Die Mutter stammte aus der seit einer Generation in Berlin ansässigen, ursprünglich aber ebenfalls in Osteuropa beheimateten Hutmacher-Familie Aschheim. Das Paar heiratete 1919 und ließ sich in Leipzig nieder, wo es in dem Haus Lortzingstraße 13 im Waldstraßenviertel eine Wohnung fand. Max Kohn gründete einen bald florierenden Textilhandel. Sein feines Gespür für Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas bewirkte, dass er bereits Ende 1933 den Entschluss fasste, mit seiner Familie Deutschland zu verlassen. Die Kohns fanden zunächst eine neue Heimat in Amsterdam, dem „Jerusalem des Nordens“. Das wiedergewonnene friedliche und wirtschaftlich erfolgreiche Leben kam mit der deutschen Invasion im Mai 1940 jedoch zu einem jähen Ende; die Familie war gezwungen, ein zweites Mal alles zurückzulassen und innerhalb weniger Stunden den Entschluss zur Flucht zu fassen. Es gelang ihnen in letzter Sekunde, auf einem Frachtschiff nach Liverpool zu entkommen.

 

In England angekommen, ließ sich die Familie in Manchester nieder. Während Ralph sich schnell einlebte, die angesehene Salford Grammar School besuchte und später an der University of Manchester ein Pharmaziestudium aufnahm (das er 1954 mit der Promotion abschloss), wurden seine Eltern in ihrem zweiten Exil nicht mehr wirklich heimisch. Ralph fand in England sein Glück. 1963 heiratete er seine liebe Frau Zahava Kanarek und schlug einen überaus erfolgreichen Berufsweg ein. Nach pharmakologischen und bakteriologischen Forschungen in Rom arbeitete er zunächst für den amerikanischen Pharmakonzern Smith, Kline & French, später für die Schweizer Firma Robapharm. Als Leiter der Forschungsabteilung von Robapharm bereiste er nahezu die ganze Welt. Eine entscheidende berufliche Zäsur bildete Ralphs 1970 gefasster Entschluss, sich selbständig zu machen und eine eigene Firma – Advisory Services – zu gründen, die sich dank seines Geschicks und seiner Umsicht zu einem führenden Unternehmen der Branche entwickelte.

 

1990 verkaufte Ralph sein Unternehmen und widmete sich von nun an mit großer Energie zwei Interessen, die ihm schon immer am Herzen lagen – der Musik und der Philanthropie. Seit seiner Kindheit war Ralph ein begeisterter Musiker. In Amsterdam erhielt er Violinunterricht; später, als junger Wissenschaftler, ließ er sich in Rom, New York und London zum Sänger ausbilden. Im Laufe der Jahre gab er zahlreiche Solo-Recitals und trat mit verschiedenen Orchestern in England und im Ausland auf. Er hat alle großen Liederzyklen auf CD eingespielt, viele davon mit dem Pianisten Graham Johnson. Daneben hat er den Liederwettbewerb an der Wigmore Hall und ein Stipendienprogramm für die Gesangsklasse an der Royal Academy of Music ins Leben gerufen. Seine engen Verbindungen zu dieser Institution veranlassten ihn im Jahr 2009, dort eine Konzertreihe zu begründen mit dem Ziel, sämtliche Bach-Kantaten aufzuführen.

1990 gründete Ralph die Kohn Foundation, die fortan mit dem für ihn typischen großzügigen Elan die verschiedensten Projekte förderte, darunter eine Osteoporose-Stiftung, das Hadassah- und das Sha’are Tzedek-Krankenhaus in Jerusalem, die „Bach Pilgrimage“ von Sir John Eliot Gardiner und vieles andere.

 

Ralph und Zahava Kohn beim Besuch des BachfestesDer Mittelpunkt von Ralphs musikalischer Welt war Johann Sebastian Bach. Die Liebe zu diesem Komponisten führte ihn und seine Frau in den vergangenen fünfzehn Jahren regelmäßig zum Bachfest nach Leipzig. Großzügig unterstützte er die Arbeit des Bach-Archivs und wurde Mitglied von dessen Kuratorium. Außerdem traten er und seine Frau der Stiftung Chorherren zu St. Thomae bei. Beide schlossen hier über die Jahre hinweg viele Freundschaften. Die Musik Johann Sebastian Bachs trug maßgeblich dazu bei, Ralph und Zahava Kohn mit Deutschland auszusöhnen.

 

Ralphs Engagement als Wissenschaftler, Musiker und Philanthrop wurde vielfach gewürdigt. 2006 wurde er zum Fellow der Royal Society ernannt, 2010 schlug Königin Elisabeth II. ihn zum Ritter, 2011 erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig und 2014 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Für sein berufliches und gesellschaftliches Wirken wurde er mit zahlreichen Ehrendoktorwürden renommierter Universitäten ausgezeichnet.

 

Das Bach-Archiv Leipzig gedenkt mit Hochachtung und Dankbarkeit eines begeisterten Bach-Freundes, passionierten Musikers und großzügigen Förderers – vor allem aber eines wunderbaren, warmherzigen Menschen. Wir trauern mit seiner Ehefrau Zahava und seinen Töchtern Hephzibah, Michelle und Maxine.

 

 

Peter Wollny

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